Archetyp: Der innere Lehrer

Kürbis - Cucurbita pepo L.



Der Kürbis ist der Archetyp des Lehrers. Die ersten Kürbisse wuchsen in Afrika bereits zu einer Zeit, als unsere Vorfahren noch auf Bäumen hausten.
Vor 40.000 Jahren begann der Ackerbau mit dem Kürbis. Sinnbildlich steht er auch für Mutter Erde, die alles hervorbringt, wobei »Mutter« hier nicht in einem geschlechtlichen Sinne gemeint ist, besitzt der Kürbis doch weibliche und männliche Blüten. In Afrika der Kürbis gilt als Pflanze der Fruchtbarkeit. Man glaubt, die Kerne förderten die Empfängnis, der Kürbis selbst symbolisiere die Gebärmutter.
Nach der Schöpfungsgeschichte der Khmu, einem Volk in Laos, gebar ein Kürbis die Menschheit. Diese Geschichte kennt man in Variationen auch in Thailand und Vietnam. Ihr zufolge ließ eine riesige Flutwelle ein einziges Geschwisterpaar übrig. Analogien zu Noahs Arche und den zunächst asexuellen Paradiesbewohnern drängen sich auf. So gebar die Frau auch keinen Menschen, sondern einen Kürbis, aus dem die verschiedenen Ethnien schlüpften. Zuerst wenig überraschend die Khmu, dann die benachbarten Völker und danach auch die weit entfernt lebenden Japaner, Amerikaner, Franzosen, Deutschen usw.

Der Kürbis brauchte keine industrielle Globalisierung, um sich über die Welt zu verbreiten, er hält es lange im Wasser aus und »schwamm« nach Amerika und Asien. Vor ca 12.000 Jahren begann seine Kultivierung in Südamerika, wo er seither eines der Grundnahrungsmittel liefert. 3000 Jahre später erreichte er Mexiko und kehrte über den Umweg Nordamerika schließlich vor etwa 5000 nach Nordafrika, genauer Ägypten, zurück.



Wo immer er erschien, ließen seine Schüler nicht lange auf sich warten. Wie jeder gute Lehrer schenkt er seinem Schüler nicht den Fisch, sondern lehrt ihn zu fischen. In diesem Falle kann man dies sogar wörtlich verstehen. Als die ersten Menschen herausgefunden hatten, dass man Kürbisfleisch essen kann, landete der weniger schmackhafte Rest auf dem Abfall. Wo seine Samen keimten und neue Kürbisse produzierten. Der Anfang des Ackerbaus ist in einem Abfallhaufen zu finden.

Die frühen Sammler hatten immer Probleme, das Gesammelte nach Hause zu bringen. Wie viele Nüsse kann man in den Händen halten, ohne dass sie herunterpurzeln? Getrocknete Kürbishälften stellten eine ideale Lösung dar. Der lateinische Name der Pflanze Cucurbita ist von Corbis = Korb abgeleitet. Und damit nicht genug, sogar Wasser kann man darin transportieren. Der Prototyp der Flasche war ein Kürbis. Trink- und Schöpfgefäße, Schüsseln, Löffel, was es auch war, der Kürbis inspirierte die Menschen zu immer weiteren genialen Erfindungen. Schließlich gebrauchte man ausgehöhlte Kürbisse wie oben angesprochen zum Fischen.



Und das ist nur die Seite seiner Alltagstauglichkeit. Man stellte Rasseln, Flöten und andere Musikinstrumente daraus her. Solange Töpfer noch keine Drehscheiben benutzten, wurden ausgehöhlte Kürbisse für Tonabdrücke zur Herstellung von Gefäßen verwendet. Kürbisse dienten als religiöse Opfergabe wie als Medizin, als Vogelhäuschen und als Maske.


 

Unser heutiger Gartenkürbis besitzt Vorfahren aus Kuba, wohin es ihn von Südamerika aus verschlagen hatte, von wo aus er seinen Siegeszug nach Nordamerika antrat, wo die Ureinwohner Sorten züchteten, die auch in weniger warmem Klima reifen konnten. Damit war er bereit für den Sprung über den Atlantik nach Europa.



Wenige Jahre nachdem Kolumbus die Pflanze entdeckt hatte, erreichte sie europäische Fürstenhäuser und Klostergärten. Der Flaschenkürbis war auf eigene Faust schwimmenderweise schon 500 Jahre zuvor eingetroffen und wurde vor allem seiner medizinischen Wirkung wegen in den kaiserlichen Gärten Karls des Großen angebaut.



Das amerikanische Thanksgiving Fest hat eine spezielle Kürbis Note. Die ersten Siedler wurden von den Ureinwohnern mit Lebensmitteln versorgt, u.a. auch Kürbissen. Deren Kerne verwendeten sie zur Aussaat und begannen in der Erntezeit im Herbst danke zu feiern. Dazu gehört auch der traditionelle Pumpkin Pie, Kürbiskuchen.

Seine Vielseitigkeit hat er sich erhalten - seine Eigenschaften als Inspirator und Lehrer gewinnen wir in der Form seiner Blütenessenz zurück.


Kürbisessenz ist so ziemlich das Gegenteil des Oberlehrers, der Genugtuung daraus zieht, mehr zu wissen als ein anderer, oder Feldwebels, der Gehorsam einfordert. Er ist auch kein Hahnemann, der verlangt »macht’s nach, aber macht’s genau nach«. Kürbis lässt uns Dinge aus eigenem Antrieb entdecken, begreifen und verwenden wie im Spiel. Er zeigt uns nicht, wie es richtig ist, er lässt es uns selbst herausfinden, auseinandernehmen und neu zusammensetzen, damit spielen, es variieren und neues entdecken.



Damit bietet er die geeignete Essenz für alle, die irgendwie feststecken, in einer Sackgasse gelandet sind, nicht weiterkommen. Die frustriert sind und entmutigt, eingeschüchtert von der Gegenwart und furchtsam vor der Zukunft.



Der innere Lehrer macht uns auf die kleinen Zeichen aufmerksam, die wir zu übersehen geneigt sind oder falsch interpretieren. Er zeigt uns den Weg auf eine Weise, die es uns ermöglicht, uns bewusst und gewollt dafür oder dagegen zu entscheiden, macht neugierig auf das, was da komme, und bevor wir es uns versehen, haben wir unsere Sackgasse verlassen und sehen jetzt den weiten Horizont an Möglichkeiten statt auf den Stolperstein fixiert zu bleiben.